Stele des Königs Asarhaddon aus Zincirli

  • 碑文的编译参见:RINAP 4/98: 以撒哈顿的胜利纪念碑(待发布)。

索引:RINAP 4/98
馆藏:柏林佩加蒙博物馆(西亚博物馆)
馆藏编号:VA 2708
材质:辉绿岩
尺寸:高 322 cm,宽 135 cm,厚 62 厘米
出土地点:萨姆阿勒城(Samʾal),今土耳其加济安泰普省增吉尔利丘(Zincirli Höyük)
年代:约公元前 670 至 669 年(新亚述时期/埃及第二十五王朝时期)
文献语言:阿卡德语(新亚述语)
CDLI 编号:P371256

参考文献:
Borger, R. (1956). Die Inschriften Asarhaddons, Königs von Assyrien (= Archiv für Orientforschung, Beiheft 9). Graz: Im Selbstverlage des Herausgebers.
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Cholidis, N. (n.d.). Siegesstele des Königs Asarhaddon von Assyrien über Ägypten. Beschreibung. Staatlichen Museen zu Berlin. Retrieved September 4, 2020, from Weblink.
Delitzsch, F. (1907). Vorderasiatische Schriftdenkmäler der Königlichen Museen zu Berlin 1. Leipzig: J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung.
Hogarth, D.G. (1909). Carchemish and Its Neighbourhood. Annals of Archaeology and Anthropology II, pp. 165–184.
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Thureau-Dangin, F. (1929). Tell Aḥmar. Syria 10(3), pp. 185–205.

Seit dem Moment, als unsere Urahnen davon zur Kenntnis genommen hatten, dass die in Stein eingemeißelten Zeichen und Figuren unglaublich lang bestehen und jeden einzelnen Menschen überleben sollten, hat das menschliche Begierde nach Unvergänglichkeit im Laufe der Jahrtausende die Entstehung unzählbarer Kunst- und Kulturgegenstände veranlasst, die den vergessene Alltag aus uralten Zeiten miterlebten und daher als unersetzliche Zeugen der Geschichte uns einen faszinierenden Blick in die ferne Vergangenheit gewähren können. Die in diesem Aufsatz zu besprechende Stele des Königs Asarhaddon gehört eben zu solchen Denkmälern, die ihren Stiftern tatsächlich einen Namen gemacht haben.

ENTDECKUNG

Diese Stele wurde 1888 in der alten Stadt Samʾal, dem heutigen Zincirli Höyük, einem Siedlungshügel in der Südosttürkei, zutage gefördert, kurz nachdem die von F. von Luschan und C. Humann geleitete deutsche archäologische Expedition dort mit der ersten Grabung angefangen hatte(1. Bei der Freilegung fand man sie in sechs große und mehrere kleine Stücke zerbrochen im Torhof des südlich befindlichen Burgtors liegen (Abb. a, b), aber ihr ursprünglicher Standort wurde bald auch erkannt, weil ein großer Steinsockel in unmittelbarer Nähe bzw. in situ aufgefunden wurde, auf dem die Stele einst in der westlichen Wandnische des Torhofes aufgestellt worden war und sich mit ihrer prächtigen Bildfläche richteten nach jedem, der damals durch das Tor ging. Allerdings stürzte die Stele, wohl nicht lange nach der Aufstellung, durch eine gewaltige Brandkatastrophe herunter, die nicht nur das Burgtor sondern auch die ganze Stadt Samʾal zugrunde gerichtet haben muss, wie die sorgfältige Betrachtung der Fundumstände ergaben hat(2. Diese plötzliche Zerstörung hat aber zu unserem Glück die zerbrochene Stele vor weiteren menschlichen oder natürlichen Schäden gut bewahrt, denn die Bruchstücke wurden vom Lehmziegelschutt tief bedeckt. Daher ist die Stele, trotz des Sturzes und abgesehen von wenigen fehlenden Kleinstücken, größtenteils ausgezeichnet erhalten und die meisten Einzelheiten auf der Fläche sind fast unversehrt geblieben.

a. Plan der Burg in Zincirli. Das Burgtor ist unten mit dem Pfeil markiert. (Luschan, 1898. Tafel. XXIX.)
b. Perspektivische Ansicht des Burgtores nach der Freilegung des Pflasters und der Wandbekleidung. Der genaue Lage der zerbrochenen Stele bzw. des Sockels wird links in der Skizze mit dem Pfeil bezeichnet. (Luschan, 1893. S. 11, Fig. 3.)

Danach sind die einzelnen Stücke der Stele nach Berlin gebracht und dort wieder zusammengesetzt worden. Seitdem ist die Stele als vollständiges Ganze, nämlich 3,22 m hoch (3,46 m mit dem Zapfen), 1,35 m breit, 0,62 m dick, und mit einem Gewicht von über 8 Tonnen(3, fürs Publikum ausgestellt worden (Abb. c). Zur Zeit ihrer Auffindung übertraf diese, gemeißelt aus hartem Dolerit, an Größe alle bekannten Monolithe dieser Art (Luschan, 1893, S. 14). Außer des beeindruckenden Aussehens liegt man aber umso größeren Wert auf die Reliefdarstellung sowie die Inschrift der Stele, durch deren „vorzügliche Ausführung und historische wie religionsgeschichtliche Wichtigkeit es alle ähnlichen Monumente weit hinter sich lässt“, wie sich Dr. von Luschan in seinem Bericht über die Ausgrabungen in Zincirli geäußert hat (ibd.).

c. Stele aus Zincirli. (Feb. 2019, vom Autor selbst fotografiert)
d. Die Stele aus Til Barsip, A. (Börker-Klähn, 1982. II, fig. 217)

e. Die Stele aus Til Barsip, B. (Börker-Klähn, 1982. II, fig. 218)

Eigentlich ist die Zincirli-Stele nicht das einzige Exemplar von ihrer Art. Im Jahr 1909 hat D. G. Hogarth bereits über die Fragmente einer ähnlichen aber unbeschriebenen assyrischen Stele (Abb. e) in Tell Aḥmar, der alten Stadt Til Barsib, berichtet(4. Dort hat F. Thureau-Dangin später 1927 während der Ausgrabung eine weitere Stele von Asarhaddon (Abb. d) gefunden(5. Die beiden Stelen aus Til Barsib sind formal und dem Bildinhalt gemäß mit der aus Samʾal fast identisch, außer dass die Reliefs spiegelverkehrt dargestellt sind(6. Außerdem sind die Stelen aus Til Barsib viel schlechter erhalten geblieben, und eine davon (Stele A) ist offensichtlich noch nicht vollendet. Die Arbeitsunterbrechung und die anschließende Zerstörung der Stelen liegen wahrscheinlich am unerwarteten Tod Asarhaddons während seines 3. Feldzuges gegen Ägypten.  

(1.  Luschan, F. v., & etc. (1898). S. 91–92.
(2. Luschan, F. v., & etc. (1893). S. 12–13: „Das Pflaster des Hofes war zunächst mit Asche und Stücken von Holzkohle bedeckt, darüber lag 0.8–1.2 m hoch Lehmziegelschutt mit kleinen Steinen, auf diesem lagen die Bruchstücke der Stele in der auf der Planskizze angedeuteten Lage, alle mit der Bildfläche nach abwärts; darüber lag abermals Lehmziegelschutt von 1.0–2.3 m Mächtigkeit mit einzelnen noch deutlich erkennbaren, schwach angebrannten, nicht in situ befindlichen Lehmziegeln und schliesslich eine ganz dünne Grasnarbe.“
(3.  Cholidis, N. (n.d.). Heute im Vorderasiatischen Museum in Berlin (VA2708).
(4.  Hogarth, D. G. (1909). S. 177.
(5.  Thureau-Dangin, F. (1929). S. 186.
(6. Trotz die augenfällige Ähnlichkeit zwischen der Stele aus Samʾal und den aus Til Barsib lassen sich die subtilen Unterschiede dazwischen jedoch nicht übersehen, wie B. N. Porter angedeutet hat, denn diese spiegeln eben die Unterschiede der (geo)politischen Situation von den zwei Städten und auch die Außenpolitik Assyriens wider. Dadurch könnten unterschiedliche Botschaften den unterschiedlichen Adressaten ausgerichtet worden sein. Ausführliche Diskussion siehe: Porter, B. N. (2001).

HISTORISCHER KONTEXT

Asarhaddon war von 680 bis 669 v. Chr. der assyrische König, der dritte Herrscher aus der neuassyrischen Sargonidendynastie und der jüngste Sohn seines Vaters Sanherib. Sein Name, Aššur-aḫa-iddina in Akkadisch, bedeutet „Der Gott Aššur hat mir einen Bruder gegeben“. In der Tat hat ihm sein Halbbruder namens Arda-Mulissu allerdings große Schwierigkeiten auf seinem Weg zum Thron bereitet, denn dieser muss offenbar sehr verärgert gewesen sein mit der Bevorzugung seines jüngeren Bruders durch ihren Vater, der, nach dem Tod ursprüngliches Kronprinzen Aššur-nadin-šumi, Asarhaddon 684 v. Chr. als Thronfolger eingesetzt hatte(7. Angeblich hat Arda-Mulissu mit einem anderen Bruder 681 v. Chr. seinen Vater Sanherib sogar ermordet, um sich den Thron zu sichern, und Asarhaddon musste daher in einem sechswöchigen Bürgerkrieg seinen Anspruch gegen seine Brüder mit Gewalt durchsetzen. Obwohl er dann erfolgreich die Herrschaft fest in die Hand genommen hat und Arda-Mulissu ins Exil fliehen musste, hat er doch verständlicherweise das Vertrauen zu seinen männlichen Familienmitgliedern und Vasallen verloren. Viele Forscher heute glauben dass er seither ständig an einer paranoiden Persönlichkeitsstörung gelitten habe. Der ungünstige mentale bzw. physische Gesundheitszustand soll ein wichtiger Grund für seine relativ kurze Regierung sein. Trotzdem wird er von vielen als einer der größten assyrischen Könige anerkannt, weil er durch seine zahlreichen militärischen Siege und auch umfangreiche Bauarbeiten in mehreren Orten, vor allem den Wiederaufbau der Stadt Babylon, die vorher von seinem Vater gründlich zerstört worden war, Assyrien den Höhepunkt der Macht hat erreichen lassen, dass es bis dahin das größte Weltreich wurde, das man jemals geschaffen hatte. Außerdem kümmerte er sich sorgfältig um die Nachfolge der Herrschaft, und im Jahr 672 v. Chr., kurz vor dem 2. Feldzug gegen Ägypten, wurde die Thronnachfolge des Reichs durch eine spezifische Reglung festgelegt: zwei Kronprinzen, nämlich Assurbanipal und Šamaš-šum-ukin, sollten jeweils den assyrischen und den babylonischen Thron besteigen. Dieser Plan lässt sich auch durch die Darstellung der zwei Kronprinzen auf den Stelen Asarhaddons erfahren. Ihm ist schließlich gelungen, durch diese beispiellosen Vorsichtsmaßnahmen den möglichen Thronstreit nach seinem Tod zu vermeiden.

Asarhaddon führte während seiner Regierung insgesamt drei Feldzüge gegen Ägypten. Der erste Feldzug fand 673 v. Chr. statt, und der Anlass dafür mag daran gelegen haben, dass Taharka, der damalige Pharao, eifrig versuchte, sich mit mehr levantischen Stadtstaaten gegen die Assyrer zu verbünden. Der zunehmende politische bzw. militärische Einfluss von Ägypten in dieser Region bedrohte sicherlich die assyrischen Interessen an seiner Westgrenze, und die Assyrer wollten dagegen etwas unternehmen. Allerdings war der Feldzug nicht erfolgreich und dürfte –– wie manche Forscher glauben –– sogar zu den schlimmsten Niederlagen der Assyrer zählen. Daher lässt sich über diesen Feldzug in den assyrischen Quellen kaum etwas erfahren. Zwei Jahre später, 671 v. Chr., brach die assyrische Truppe erneut nach Ägypten auf und schlug wahrscheinlich eine unauffällige Route durch die trockne und hubbelige Wüste in Zenralsinai(8 ein, was beim Feldzug geholfen haben könnte. Die Assyrer errangen einen glänzenden Sieg: Die königliche Stadt Memphis wurde eingenommen, der Palast geplündert. Während Taharka die Flucht gelungen war, wurden seine ganze Familie, darunter der Kronprinz Ušanaḫuru, in die Verbannung geführt. Die Inschrift der Zincirli-Stele berichtet genau über diese Triumphe als das Hauptthema. Eine stabile Herrschaft in Ägypten zu halten scheint jedoch schwer gewesen zu sein, denn Taharka, nachdem Asarhaddon abgezogen war, kehrte nach Ägypten zurück und ergriff die Macht erneut. Dies führte bald zum 3. Feldzug im Jahr 669 v. Chr. Diesmal halfen ihm die Gottheiten aber nicht. Er starb plötzlich unterwegs in Ḫarran, was seine letzte Kampagne abrupte beendete. Man geht davon aus, dass sein Tod die politische Lage an der westlichen assyrischen Grenze verschärft haben könnte und die Siegesstelen des Asarhaddon den wieder ausgebrochenen Tumulten zum Opfer gefallen sind.

(7 Radner, K. (2003). S. 166.
(8 Radner, K. (2008).

RELIEFDARSTELLUNG

Die ganze Vorderseite der Stele ist mit einem Relief versehen (Abb. f). Zunächst ist die stehende Figur des Asarhaddon nach rechts gerichtet in Seitenansicht dargestellt. Sie nimmt den Hauptteil der ganzen Fläche ein. Um die königliche Herrlichkeit darzustellen, trägt Asarhaddon den priesterlichen Wickelgewand und den Fez, der mit einer Spitze darauf versehen und mit goldenen Scheiben geschmückt ist. Im Betergestus appa labānu („die Nase streicheln“) hebt er die rechte Hand bis zur Gesichtshöhe und hält einen gewissen Gegenstand in der Hand. In der linken Hand hält er ein Zepter und zwei Leinen. Am Ende der Leinen befinden sich zwei unterworfene Könige, die mit einem durch die Unterlippe gezogenen Ring an der Leine befestigt und von Asarhaddon wie Tiere geführt werden.

f. Die Stele aus Samʾal. (Börker-Klähn, 1982. II, fig. 219)

Die Identifizierung der zwei Gefangenen bleibt aber nach wie vor umstritten. Der unmittelbar vor Asarhaddons Füssen Kniende, wohl nackt und an den Händen und Beinen gefesselt, lässt sich dem Aussehen zufolge und durch die Uräusschlange meistens mit Ušanaḫuru deuten, dem ägyptischen Kronprinzen und dem Sohn des Pharaos Taharka, dessen Familie aus Nubien stammte. Die Gefangenschaft des Ušanaḫuru wird auch in der Inschrift bestätigt(9. Da Taharka selbst der Hauptgegner des Asarhaddon während des Feldzuges war, kommt die Identifizierung mit ihm auch in Betracht. Die Wahrscheinlichkeit scheint jedoch viel niedriger zu sein, weil es aus anderen Quellen bekannt ist, dass der Pharao damals geflohen ist und nicht von den Assyrern gefangengenommen wurde. Dies wird auch in der Inschrift angedeutet. Dass die Assyrer den geflohenen Pharao als Gefangenen darstellen würden, ist deshalb zu bezweifeln(10.

Der andere stehende Gefangene, ebenfalls an den Händen gefesselt, wird oft mit Baʿal, dem Stadtfürsten von Tyros identifiziert, dessen Name aber nicht in der Inschrift vorkommt. Der hat anfangs mit den Assyrern einen friedlichen Vertrag abgeschlossen, später wahrscheinlich aber die Seite gewechselt und sich mit den Ägyptern verbündet. Aus diesem Grund belagerte und eroberte Asarhaddon Tyros, aber das Schicksal Baʿals ist uns leider unbekannt. In einer anderen Theorie zieht man auch Abdi-milkutti, den König von Sidon, in Betracht, dessen Name hingegen in der Inschrift auf der Stele A aus Til Barsib (Abb. d) genannt wird, wobei der Kontext wegen des schlechten Erhaltungszustands jedoch verloren gegangen ist. Über Abdi-milkutti ist uns bekannt, dass dieser wegen einer Auseinandersetzung mit Asarhaddon von den Assyrern gefangengenommen und enthauptet wurde.

Da Baʿal und Abdi-milkutti beide mehrere Jahre vor der Unterwerfung der Ägypter besiegt worden sein sollen, scheint es kaum möglich zu sein, dass jeder von den beiden jemals mit dem ägyptischen Gefangenen haben zusammenstehen können. Daher ist plausibel anzunehmen, dass die Reliefdarstellung der Stele keine realistische Wiedergabe von einem gewissen historischen Ereignis sein soll, und es auch keinen engen Zusammenhang zwischen all den dargestellten Figuren geben muss.

Außer der Figuren sieht man oben rechts, dem Gesichts Asarhaddons gegenüber, noch eine Reihe von zwölf Göttersymbolen. Mit neun davon lassen sich die in der Einleitung der Inschrift angerufenen neun Gottheiten (außer Anu) in Verbindung bringen, also Aššur, Enlil, Ea, Sîn, Šamaš, Adad, Marduk, Ištar und die „Siebengötter“, und die übrigen drei Symbole stehen wahrscheinlich für Nabû, der in der Inschrift auch erwähnt ist, Mullissu und Ninurta, die beide überhaupt nicht im Text vorkommen. Die Andeutung dieser Auswahl der Symbole und ihrer Anordnung bleibt unklar, und selbst die oben angegebene Identifizierung ist teilweise auch nicht ohne Zweifel(11.

Zwei weitere Figuren werden auf den beiden schmaleren Seitenflächen abgebildet, was bei assyrischen Stelen eigentlich nicht üblich ist. Sie werden mit den beiden Söhnen Asarhaddons identifiziert: Auf der rechten schmalen Seiten wird Assurbanipal, der zukünftige König Assyriens, in demselben assyrischen Gewand abgebildet wie sein Vater; auf der linken, Šamaš-šum-ukin, der Thronfolger von Babylon, im babylonischen Gewand. Dies ist eindeutig die bildliche Manifestation der Erbfolgeregelung Asarhaddons, die jedoch überhaupt nicht in der Inschrift erwähnt wird.

Oft werden die Stelen Asarhaddons als Siegesstelen bezeichnet, aber diese Bezeichnung mag fraglich sein. Das Siegesdenkmal hat eine lange Tradition in Mesopotamien, aber die Stelen des Asarhaddon haben „formal mit den alten Siegesdenkmälern aus 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. nichts zu tun“, wie von P. A. Miglus vermerkt(12. Er weist darauf hin, dass „sie im Grunde nach dem Muster der Standardstele entworfen wurden“, und sie „sind keine historische Bilder, sondern symbolische Darstellungen mit einer Botschaft, die bestimmte innenpolitische Probleme Assyriens widerspiegelt.“

(9 R:43–45 MUNUS É.GAL-šú munusERIM.É.GALmeš-šú mú-šá-na-ḫu-ru DUMU UŠ-ti-šú / ù re-eḫ-ti DUMUmeš-šú DUMU.MUNUSmeš-šú … áš-lu-la a-na KUR aš-šurki, „ Seine Frau, seine Nebenfrauen, Ušanaḫuru, seinen Kronprinzen, und seine übrigen Söhne (und) Töchter, … führte ich nach Assyrien. “
(10 Miglus, P. A. (2000). S. 202: „Bei ihren Reliefdarstellungen achteten die Assyrer auf eine gewisse historische Genauigkeit. Misserfolge werden nicht dargestellt, aber auch nicht als Erfolge vorgeführt.“
(11 Miglus, P. A. (2000). S. 199.
(12 Miglus, P. A. (2000). S. 203–205; 209.

INSCHRIFT

Die untere Hälfte der Vorderseite und die gesamte Rückseite sind mit Keilschrift beschrieben. Der lange Text wird mit der Anrufung eingeleitet (V:1–12), in der zehn Gottheiten aufgezählt werden: Aššur, Anu, Enlil, Ea, Sîn, Šamaš, Adad, Marduk, Ištar und die „Siebengötter“. Außer Anu werden die anderen neun auch auf der Vorderseite mit den oben genannten Göttersymbolen dargestellt. Im anschließenden Textabschnitt (V:13–R:14) kommt eine lange und ausführliche Aufzählung der ganzen königlichen Titulatur des Asarhaddon bzw. die lobrednerischen Beschreibungen seiner Macht und Erfolge. Besonders erwähnenswert ist, dass Asarhaddon hier, erstmals bei assyrischen Königen, den Titel „König der Könige von Ägypten, Patros und Kuš(13“ trug. Dass er sich als den König nennt, „der die Leine der Könige hält(14,“ entspricht genau der bildlichen Darstellung auf der Vorderseite der Stele. Der nachfolgende Textabschnitt (R:15–30a) verfolgt die Stammlinie des Asarhaddon bis zum mythologischen Ursprung zurück. Sein heiliges und gerechtes Königtum soll sich dadurch manifestieren, und seine Feldzüge sollen sich auch berechtigen lassen. Darauf (R:30b–37a) folgt die Begründung des Feldzuges, dass Ägypten „gegen Aššur verbrecherisch, leichtfertig und frevelhaft vorging“ –– wohl nicht der historische Anlass –– und die Beschreibung der Route nach Ägypten, dass die assyrische Truppe „ferne Wege, steile Berge, gewaltige Sanddünen, Orte des Durstes, willfährig und wohlbehalten zurückgelegte“. Schließlich berichtet der Text (R:37b–50a) über den Schlachtverlauf und den endgültigen Erfolg:

43 … Seine Frau, seine Nebenfrauen, Ušanaḫuru, seinen Kronprinzen, 44 und seine übrigen Söhne (und) Töchter, seinen Besitz, seine Habe, seine Pferde, seine Rinder, 45 (und) sein Kleinvieh in unzähligen Mengen führte ich nach Assyrien. Die Wurzel von Kuš 46 riss ich aus Ägypten aus. Niemand ließ ich dort zurück, um mich zu preisen. 47 Über ganz Ägypten habe ich Könige, Statthalter, Verwalter, Hafeninspektoren, Vorsteher, 48 Führer von neuem eingesetzt. Stiftungsopfer und feste Opfer für Aššur und die (übrigen) großen Götter, meine Herren, 49 setzte ich für ewig fest. Tribut und Abgaben an meine Herrschaft, Jahr für Jahr nie endend, 50 legte ich ihnen auf. …“

Asarhaddon führte nicht nur die gesamte Familie Taharkas in die Verbannung nach Assyrien, sondern nahm auch eine große Menge an Reichtum mit. Dazu richtete er neue Verwaltungssysteme und Tributreglungen in Ägypten ein, um eine langfristige Kontrolle über dieses Gebiet zu sichern. Zum Schluss (R:50b–57) geht es um die Aufstellung der Stele, was üblich bei den mesopotamischen Denkmälern war, begleitet von der Fluchformel gegen diejenigen, die die Stele beschädigen würden.

g. Detailansicht des unterworfenen Phönizischen Königs. Mit dem Kreis gekennzeichnet ist das Wort „Aššur“. (Porter, 2003. Plate. 30.)

Inhaltsgemäß war es selbstverständlich eine der wichtigsten Absichten dieser Inschrift, ruhmreiche Triumphe über Ägypten zu feiern und den Erfolg des Asarhaddon zu zeigen. Generell glaubt man aber, dass dieser Text eigentlich nicht spezifisch für die Stele neu verfasst wurde. Er besteht aus sowohl den für Denkmäler typischen formelhaften Formulierungen als auch den anscheinend von königlichen Annalen ausgewählten Textabschnitten, die über bestimmte historische Ereignisse berichteten. Trotzdem müssen die damaligen Steinmetzen –– wie B. N. Porter darauf hingewiesen hat(15 –– Rücksicht auf die Gestaltung der Inschrift genommen haben, indem sie die Zeichen mit unterschiedlichen Abständen anordneten, damit die Keilschriftzeichen nicht ganz planlos über das Relief laufen würden. Ein Argument (Abb. g) dafür sieht man in der Zeile 13 der Vorderseite, wo das Wort „Aššur“ an dem bärtigen Gesicht des gefangenen Phöniziers eingemeißelt wurde, als wäre er wie ein Gegenstand von den Assyrern besessen und etikettiert worden.

(13 V:16 LUGAL LUGALmeš kurmu-ṣur kurpa-tu-ri-su u kurku-u-si, „König der Könige von Ägypten, Patros und Kuš“
(14 V:24 mu-kil ṣer-ret ma-li-ki …, „der die Leine (Nasenseil) der Könige hält, …“
(15 Porter, B. N. (2001). S. 386–387.


Heute findet die Stele Asarhaddons im Vorderasiatischem Museum zu Berlin ihr Zuhause. Sie steht dort rechts neben dem Eingang der Prozessionstraße von Nebukadnezar II, durch die Tausende von bewundernden Besuchern täglich hin und her wandern. Seit ihrer Ausgrabung hat die Stele sowohl viele Gelehrte als auch Interessierte in ihren Bann gezogen, und die zusammenhängende Forschung und Diskussion dauern an. Welche Absichten auch immer Asarhaddon gehabt haben mag, als er die Stele aufstellen ließ, würde er, lebte er heute noch, sicherlich zufrieden sein: Nach der Totenstille in der Dunkelheit über 2,500 Jahre hinweg, wenn sein Name jetzt erneut erkannt und zwar in der hellen Halle von den Leuten wiederholt vorgelesen wird, weiß man schon, dass dieser Name dank des harten Gesteins lange in Erinnerung bleiben und nie in die Vergessenheit geraten wird.

发布者:cosmodox

Assyriology student in Leipzig. God gesiehþ on dune, etiam lipsiæ fortasse.

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